Syrien – schöne Erinnerungen: Krak des Chevalier

Die Straße vor meinem Fenster ist schon rege belebt, als ich langsam aus dem Bett rolle. Die Geräusche dringen sachte in meine Ohren und machen mich auf einen schönen neuen Tag in Aleppo aufmerksam. Die Nacht war etwas kürzer als geplant, aber jetzt steht dem neuen Tag auch nichts mehr im Wege. Als ich halbwegs munter den Balkon neben der Rezeption betrete, hat die Sonne den Tag schon wieder voll eingenommen und bringt den Himmel zum Erleuchten. Nach einem gemütlichen Tee packe ich meine “sieben Sachen” und verabschiede mich. Ich betrete die Straße und bin sofort umgeben von Autos und Menschen, die an mir vorbeiziehen. Der Uhrturm zu meiner rechten steht in seiner vollen Schönheit auf seiner Insel und lässt die Blechkarawanen an sich vorbeiziehen.

Uhrturm in Aleppo

Uhrturm in Aleppo

Ich besteige ein gelbes Taxi, das schon munter auch mich wartet. Das Ziel ist der Busbahnhof von Aleppo. Die Fahrt führt vorbei an der Ibrahim Hanano Moschee und über große Zubringerstraßen verlassen wir die Innenstadt. Schon kurze Zeit später stehe ich am Busterminal und frage mich zu den Ticketschaltern durch. Es ist nach 9 als ich den Bus nach Homs besteige und Aleppo langsam hinter mir bleibt. Die Schnellstraße lässt den Bus gut vorankommen.

An mir vorbei ziehen Felder, Orte und Menschen. Viele Häuser scheinen sich schon auf weiteres Wachstum vorzubereiten. Die obere Etage ist nicht fertig gestellt und die Stahlbewährung ragt nach Höhe greifend aus der Deckenplatte. Bei Platzmangel einfach noch eine Etage drauf setzen; ein cleveres Konzept. Aber bis dahin weht hier und da die trocknende Wäsche auf dem Dach und die ein oder andere Pflanze schmückt den kargen Betonbau. Der Bus rollt weiter voran und passiert schnell die selbst gebauten Traktoren und Fahrzeuge, die immer öfter auftauchen. Seit ich die Stadt verlassen habe, prägen diese Selbstkonstrukte die Welt der Fahrzeuge und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Ich frage mich, ob es nicht vielleicht sogar eine Traktormanufaktur gibt oder ob die Menschen sich diese Gefährte selbst ausdenken?

Hoch zu den Kreuzrittern

Es sind knapp 190 Kilometer von Aleppo bis Homs und bei dem Tempo braucht der Bus nicht mehr als 2 1/2  Stunden. Kurz vor den Toren der Stadt liegt die Haltestelle; ich steige aus. Es ist ein angenehmer Ort. Ich werde nicht überrannt mit Angeboten, ich schaue mich einfach nur um und komme mit einem Taxifahrer ins Gespräch. Mein Ziel ist die Kreuzritterburg “Krak des Chevalier”. Sie liegt ungefähr 35 Kilometer Luftlinie von Homs entfernt in Richtung Mittelmeer. Für einen fairen Preis willigt er ein, mich zu der Burg zu fahren und mich wieder nach Homs zurück zu bringen. Die Fahrt beginnt. Der Fahrer spricht gutes Englisch und erzählt über die Orte auf dem Weg. Nach einer halben Stunde kommt die Burg schon in Sicht und wenige Minuten später schlängelt sich das Taxi die letzten Meter auf den Hügel eines Ausläufers des Alawitengebirges hinauf. Hier thront die im 11. und 12. Jahrhundert gebaute Burg.

Panorama des Krak des Chevaliers

Panorama des Krak des Chevaliers

Hoch über der Akkar-Ebene gelegen, sicherte die Burg die alte Handelsroute zwischen dem Mittelmeer und dem Hinterland. Später diente sie den Kreuzrittern als Basis des Machtanspruches und als Sicherung gegen die Truppen des Sultan Saladin in Richtung Süden. Nach der Übergabe an den Johanniterorden sicherte dieser bis zum Fall der Burg 1271 an den Sultan das Kreuzrittertum in der Region. Die Mamluken reparierten die Burg schnell wieder und bauten sie noch etwas aus. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Burg noch militätisch genutzt.

Gewölbe im Innenbereich

Gewölbe im Innenbereich

Die gut erhaltenen Überreste der Burg liegen nun vor mir. Der Eingang zur Festungsanlage lässt die Bedeutung schon erahnen. Mächtige bis zu acht Meter dicke Mauern schützen den inneren Kern der Festung und das kleine Tor in den mächtigen und hohen Mauern imponierte nicht nur den Angreifern damals, sondern auch defintiv mir.

Tanz auf der Mauer

Tanz auf der Mauer

Für mich ist sie ein großer Abenteuerspielplatz und jede Tür muss erkundet werden. Den prunkvollen Kreuzrittersaal mit seinen hochgotischen Elementen ist nur einer der Höhepunkte der Festung. Ich erklimme die hohen Turmreste und es wird sofort ersichtlich, wieso diese Burg eine so strategische Rolle gespielt hat. Von hier oben lässt sich die ganze Region überblicken. Nach meiner tollen und umfassenden Erkundungstour der Burg kehre ich nach Homs zurück.

Westlicher Wassergraben

Westlicher Wassergraben

Blick über den inneren Bereich der Festung

Blick über den inneren Bereich der Festung

Dunkelheit in Damaskus

An der Bushaltestelle angekommen, erreicht mich die Nachricht meiner Couchsurfing-Gelegenheit, dass es einen Notfall in der Familie gibt und ich mich umorientiern muss. Es ist eine schlechte Nachricht. Es ist mittlerweile schon späterer Nachmittag und ich sitze noch nicht einmal im Bus nach Damaskus. Als ich dann endlich Damaskus gegen 19 Uhr erreiche, ist es dunkel und Regen hat eingesetzt. Ich bin dummerweise nicht vorbereitet und hatte eigentlich einkalkuliert, abgeholt zu werden. Meine Taschen sind fast leer; keine Karte der Stadt, kaum Geld für ein Hotel und dazu kommt noch, ich habe keine Ahnung wo ich bin. Damaskus. Ja, aber mein Orientierungssinn ist vollständig ausgeschaltet. Ich beschließe, in Richtung Innenstadt zu fahren. Zumindest ist das meine Hoffnung. Ich verstehe gerade so die Busnummer 5 und steige einfach mal ein. Das Ziel ist, ein Hotel für die Nacht zu finden.
Im hinteren Teil des Busses sitzt ein junger Mann mit einer Laptoptasche auf dem Schoß. Vielleicht spricht er ja Englisch und kann mir ein Hotel empfehlen oder zumindest sagen, wo ich suchen muss. Ich erkläre ihm meine missliche Lage. Er zögert nicht lange und zückt sein Handy. Nur ein Telefonat später macht er mir ein Angebot, welches mich total überrascht.

Er bietet mir an, mich zu begleiten. Oder eher anders herum. Er bittet mich, ihm zu folgen. Er ist gerade auf dem Weg in die Uni zu seiner mündlichen Prüfung in Englisch. Ich willige ein und lasse mich überraschen, was Damaskus noch alles für mich im Angebot hat.

Der Abend in Damaskus hat für mich erst begonnen und ich werde schon jetzt von größter Spontanität und Gastfreundschaft überschüttet.
Von daher gilt: Teil 3 der Serie “Syrien – schöne Erinnerungen” nicht verpassen!

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Syrien – schöne Erinnerungen:

Teil 1 – Aleppo
Teil 2 – Krak des Chevallier
Teil 3 – Damaskus

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