Kiel und Lübeck im Porträt

Wie ein Pfeil schießt der ICE auf der fast geraden Strecke von Berlin nach Hamburg. Die Landschaft zieht vorbei, kleine Orte tauchen hier und da mal auf und Felder sind manchmal mit großen Windrädern verziert. Es ist eine flache Landschaft und die Ansicht will sich nicht abwechslungsreicher präsentieren. Mit der Einfahrt nach Hamburg ändert sich die Aussicht gewaltig, nur um sich dann auf dem Weg nach Kiel wieder in eine Endlosschleife zu versetzen. Mein Buch erfreut sich hingegen an meiner Aufmerksamkeit und blättert schon fast von alleine um. Es ist gegen halb acht abends als mein Zug den Kieler Hauptbahnhof erreicht. Im tollen Licht der langsam untergehenden Sonne erscheint der Kieler Hafen fast golden und biedert sich meiner Kamera nur so an.

Kieler Bucht am Abend

Kieler Bucht am Abend


Nach einem kleinen Abendbrot am Hafenbecken, besuche ich noch kurz den Bootshafensommer und lausche den Klängen der Hamburger Band „Matchboxstories“. Es ist mein „Gute Nacht Lied“ und ich checke gemütlich in meiner Unterkunft ein.

Entdeckungstour durch die Kieler Förde

Die verschiedensten Reiseführer verlieren über Kiel kaum gute Worte. So fiel mir besonders die Ironie in einem Reiseführer von 2007 auf, der als Hauptattraktivität die Fährfahrt aus Kiel heraus hervorhob.
Leider kann ich über die Architektur der Stadt auch keine guten Kommentare hinterlassen. Die „Altstadt“ besteht aus hässlichen Gebäuden aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Als zentraler Drehpunkt der Marine im 2. Weltkrieg blieb von der Stadt nicht viel erhalten. Es müssen also andere Stärken in der Stadt gefunden werden. Ich begebe mich auf die interessante Suche und werde in etwas ungewöhnlicheren Aktivitäten fündig. Meine Technikaffinität hilft natürlich ein wenig.
Mein erster Programmpunkt ist die Schleuse zum Nord-Ostsee-Kanal. Es ist der meistbefahrendste Kanal der Welt und schnell wird mir klar wieso. Die Größe der Schiffe ist fast nicht wichtig für die Beschreibung des Gewusels, welches auf dem Wasser herrscht. In vier Schleusen werden die ersten oder letzten Höhenmeter zur Ostsee überwunden. Von der Aussichtsplatform auf einem der Torbunker der südlichen Schleuse kann man das Geschehen aus erster Reihe beobachten. Es fahren Schiffe aus, während die nächsten schon in Lauerstellung auf die Einfahrt warten. Wenn ich nicht noch was anderes von Kiel erleben wollte, so würde ich hier stehen bleiben und Schiffe beobachten. Das kann ich aber auch genauso gut von der Kiellinie aus tun. Ich fahre mit dem Bus zurück über die Holstenstraße und mache einen kurzen Stopp am Ravensberger Wasserturm. Hier werde ich ein wenig von der Tourismusmaschinerie der Stadt Kiel enttäuscht. Anstatt einen auch, wenn möglich geschlossenen, Kulturraum vorzufinden, finde ich eine Baustelle für Wohnungen im Wasserturm vor und selbst ein Bild ist Verschwendung von Speicherplatz.

Viel Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal

Viel Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal


Mit meinem Erreichen der Kiellinie auf Höhe des Aquariums hat meine Kamera und meine Laune den Seitenhieb verkraftet. Wahrscheinlich das letzte Mal in diesem Jahr liegen gleich vier Kreuzfahrtschiffe und die zwei täglichen Fähren im Hafen. Es herrscht rege Betriebsamkeit und die kleinen und großen Segler und Fähren bringen ordentlich Leben auf die Förde. Ich schaue dem Treiben eine Weile zu und suche mir mit dem städtischen Museum einen kühlen Ort zum Energietanken. Die etwas magere Ausstellung über die Stadtgeschichte wird von der Marinegeschichte wieder ausgeglichen. Ich habe noch etwas Zeit, bevor meine Fähre nach Laboe ablegt und ich wage noch einen Ausflug zum Rathaus. Durch Zufall lande ich in einer der vier wöchentlichen Führungen auf den Rathausturm. Der Ausblick ist jedem zu empfehlen und wenn man es vielleicht nicht dem Zufall überlassen sollte, denn der Geheimtipp scheint sich rumgesprochen zu haben.

Aussicht über Kiel

Aussicht über Kiel

In Weitblick-Manier erklärt der Herr über den Fahrstuhl und die Aussicht die verschiedenen Ausblicke in alle Richtungen.
67 Meter tiefer wieder angekommen, husche ich schnell zur Fähre rüber: Laboe ruft und wie sich zeigt, fühlen sich dieses Wochenende viele angesprochen. Die Fähre ist propevoll und ich warte fast eine viertel Stunde auf mein Ticket. Dann kann ich aber die Aussicht genießen und finde, der Tipp aus dem Reiseführer ist immer noch zutreffend; wenn auch Laboe vollkommen überlaufen scheint. Zur Verteidigung aller: es ist super Wetter!

Strand von Laboe

Strand von Laboe

Ich lasse mir den Strand nicht entgehen, lasse aber auch nicht das U-Boot U995 und das Marinedenkmal außer Acht. Das erstere, ein imposantes Mahnmal der Technik, wenn auch etwas dürftig erklärt, das zweite ein mächtiges Mahnmal für die auf den Meeren gebliebenen Seeleute aller Nationen.
Die Ausstellung hier sprengt leider meinen zeitlichen Rahmen, aber die Aussicht über die Kieler Förde auf dem Turm genieße ich noch kurz.

Marine-Ehrenmal in Laboe

Marine-Ehrenmal in Laboe


Mein Tag in Kiel neigt sich langsam dem Ende. Ich habe keine Unterkunft mehr für Samstag auf Sonntag gefunden und so ziehe ich weiter in meine zweite Stadt auf diesem Wochenendausflug: Lübeck.

Im Zentrum der Hanse: Lübeck

Mit dem Rücken zur Sonne verlasse ich den Bahnhof und lande in voller Freude vor dem Holstentor. Wie die Legende besagt, sollen die glasierten Backsteine der Außenmauern die angreifenden Gegner blenden. Es stimmt schon. Es blendet höllisch und das Tor glänzt in voller Pracht. Die Steine verzieren schlicht aber beeindruckend die Fassade und stellen den Reichtum der Stadt im Mittelalter zur Schau.

Holstentor

Holstentor

Ich betrete durch das Tor die Altstadt Lübecks und gelange nach nur wenigen hundert Metern auf den Marktplatz mit dem Rathaus.  Meine Sicht auf das Rathaus wird etwas durch Würstchenbuden und anderen Stände blockiert. Dem mittelalterlichen Charme steht die Volksverköstigung und Kulturdarbietung entgegen. Ich schlängele mich weiter durch die Gassen zu meiner Unterkunft. Nach einem langen Tag in Kiel endet hier meine Wanderung durch die beiden Städte und die weitere Erkundung verschiebe ich auf morgen.

Fassade des Rathauses von Lübeck

Fassade des Rathauses von Lübeck

Schon fast mit der Sonne stehe ich auf und starte mit einem Frühstück in einem Café auf dem Rathausplatz in den Tag. Mangels frühmorgentlicher Alternativen im Touristensektor entscheide ich mich, auf den Turm der St. Petrikirche zu fahren. Ein Aufzug bringt mich bequem auf 50 Meter Höhe. Als erster Besucher an diesem Tag darf ich mich einer gewissen Ruhe erfreuen und kann mir einen Überblick über die Stadt verschaffen. Überragt wird die Silhouette der Stadt durch die sieben Kirchtürme, die für das typische Aussehen der Stadt stehen und es gerne auf Logos, Plakate und Münzen schaffen.

Salzspeicher und Hostentor

Salzspeicher und Hostentor

Meinen Stadtspaziergang setze ich in geführter Form, organisiert durch das Touristenbüro der Stadt, fort. Etwas überfordert durch den unvorhersehbaren Ansturm auf die so beliebte Stadt, springt mein Stadtführer spontan ein und die Gruppe wird geteilt. Der Wahl-Lübecker führt uns zwar nicht durch die ganze Altstadt, gibt uns aber dafür einen sehr detaillierten Einblick in die Entstehungsgeschichte der Stadt. Er lässt die Fantasie aller aufleben und versetzt uns in das Mittelalter und die tagtäglichen Probleme zurück. Wer auch immer den imaginären Graben in der Mitte der Gasse betritt wird zum Rathausbesuch ausgeschlossen. Sehr interessant sind die immer wiederkehrenden Symbole, Wappen und Bauelemente, die sich typisch für Lübeck an allen öffentlichen Gebäuden wiederfinden.


Die Tour endet mit einem kleinen Rundflug über die Miniaturstadt auf dem Marktplatz und schlußendlich im prunkvollen Gerichtssaal. Unbewusst betrete ich ihn, zum Verlassen nehme ich bewusst die höhere Tür mit gehobenem Haupt. Mittlerweile ist auch schon Nachmittag. Mein Stadtführer hat es wirklich geschafft, mich zu schaffen, denn jetzt habe ich Hunger und will mich nur noch setzen. Die Tour war ein wenig länger als ich erwartet hatte. Dafür platzt auch mein Kopf vor Informationen und schönen Eindrücken der Altstadt.

Arkaden

Arkaden

Ich verlaufe mich bewusst in den Straßen und genieße die letzten Stunden, begebe mich auf die Suche nach den kleinen Gassen und Durchgängen. Auf der Dachterrasse des Hansemuseums lasse ich den Blick über die Trave auf mich wirken und schaue dem Treiben auf dem Wasser zu, bevor ich weiter suche.

Lisa von Lübeck

Lisa von Lübeck

Fündig werde ich im Süden, im Malerwinkel: ein beschaulicher, ruhiger Teil mit wunderschönen Fotomotiven und einem entspannten Leben an der Trave.

Malerwinkel

Malerwinkel

Vor lauter Ruhe verschlafe ich fast meinen Zug zurück in die Wirklichkeit. Der Eurocity aus Dänemark bringt mich nach Hamburg und auf die Idee vielleicht auch mal Dänemark auf die Liste der Reiseziele zu setzen.

Aber jetzt heißt es erstmal dem Norden „Tschüss“ sagen. Es war ein Erlebnis hier!

Gasse im Malerwinkel

Gasse im Malerwinkel

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